Zwischen Identifikation, Gängelung und Abschreckung

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Description


Christiane Hänny

Zwischen Identifikation, Gängelung und Abschreckung. Darstellung und Funktion lesender und dichtender Figuren in der Kinder- und Jugendliteratur

ISBN 978-3-98940-015-3, 292 pp., 3 illustrations, paperback, € 36,50 (2024)

(KOLA - Koblenz-Landauer Studien zu Geistes-, Kultur- und Bildungswissenschaften, Vol. 36)


Seit ihrer Entstehung werden Bücher als ein Medium betrachtet, das einen umfassenden Zugang zu Wissen und Bildung ermöglicht. Spätestens seit Beginn der Massenalphabetisierung im 18. und vor allem dem 19. Jahrhundert wurde die Fähigkeit zu Lesen, die an sich als fortschrittlich galt, aber auch kritisch betrachtet. Die Art und Weise des Lesens und die gelesenen Inhalte selbst standen im Mittelpunkt dieser Kritik. Bis heute ist die Frage, wer was wie liest, ein Gegenstand öffentlicher Diskussionen. Literatur hat schon immer als Spiegelbild gesellschaftlicher Diskurse gedient. Während die Allgemeinliteratur in der Regel den aktuellen Zustand reflektiert, setzt sich die Kinder- und Jugendliteratur, die nicht nur unterhalten, sondern auch bilden und erziehen soll, vorrangig mit einem erstrebenswerten Zustand auseinander. Die in diesem Buch vorliegende Studie untersucht, wie sich diese Debatte innerhalb der Kinder- und Jugendliteratur spiegelt und wie eine ideale Lektüre mittels geeigneter Identifikationsfiguren inszeniert wird. Im Zentrum der textanalytischen Untersuchungen eines repräsentativen Korpus von der Aufklärung bis zur Gegenwart stehen daher lesende Figuren, die entweder als positives Vorbild oder abschreckendes Beispiel für die empirischen Rezipierenden fungieren sollen. Es wird dabei der Frage nachgegangen, welche Strategien der Rezipientenlenkung mittels der Kombination der (oftmals gemeinsam auftretenden) Dichter- und Leserfiguren in kinder- und jugendliterarischen Texten angelegt werden und wie sich sowohl die Ziele als auch die Verfahren dieser Strategien im literaturgeschichtlichen Verlauf verändern.


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Review

"Hinsichtlich der Aufbereitung der theoretischen Grundlagen und narratologischen Analysesystematik ist Hännys Studie mustergültig. Sie zeigt zunächst, wie sich die Wertschätzung für das Lesen respektive das gesellschaftliche Lektüreverhalten über die Jahrhunderte gewandelt hat: von Leseflow, über Lesesucht bis hin zum Lesen als Bürgertugend oder zur Angst vor der so genannten Schundliteratur. Für die Gegenwart konstatiert sie, dass durch den Siegeszug digitaler Medien ein Paradigmenwechsel hin zu einer weiter zunehmenden 'Extensivierung des Lesens' eingetreten sei. In diesen drei Kapiteln liefert die Nachwuchswissenschaftlerin zudem ein ausdifferenziertes Analyseinventar auf Basis einschlägiger Erzähltheorien Roman Ingardens, Wayne C. Booths, Wolfgang Isers, Umberto Ecos und Gérard Genettes: Es geht darum, für Folgestudien ein wichtiges Desiderat zu schließen, indem auf der Basis eines plausiblen Erzählmodells das Fundament für weitergehende Rezeptionsstudien gelegt wird. Dies geschieht u.a. durch systematische Unterscheidung von Ebenen wie Erzählvorgang (die Extradiegese) und außerdiegetischer Raum durch Instanzen wie 'empirischer Autor' oder 'empirischer Leser' in Abgrenzung zu 'idealer' bzw. 'fiktiver Leser'. Das umfangreiche vierte Kapitel stellt das Zentrum der Studie dar. Es beleuchtet facettenreich mögliche Identifikationspotenziale lesen der und dichtender Figuren in der Kinder- und Jugendliteratur, etwa mithilfe der 'Bildung durch Dichter- und Leserfiguren' im Sinne eines innerliterarischen Vorbilds, das seit der Aufklärung (u.a. bei Joachim Heinrich Campe) nachweisbar ist, in jüngerer Zeit etwa in Form von erzählenden Sachbüchern nach dem Modell von Jostein Gaarders Buch 'Sofies Welt', das große Verbreitung gefunden habe. Dem setzt Hänny die Vermittlung literarischer und religiöser Bildung entgegen – von Johanna Spyris 'Heidi' bis zu Guus Kuijers 'Das Buch von allen Dingen'. Davon grenzt sie dezidiert Texte ab, die diversen Formen einer poetischen Bildung folgen, etwa E.T.A. Hoffmanns 'Nußknacker und Mausekönig' oder Michael Endes 'Die unendliche Geschichte'. Daran schließt sich der Korpusbereich der 'Negativdarstellungen des Lesens' an, der Texte umfasst, in denen vor dem Lesen gewarnt wird – als Laster oder Schund. Seit den 1970er Jahren zeige sich jedoch ein Wandel in der Einstellung zum Lesen von Comics und Heftchenliteratur, was sie am Beispiel von Alexander S. Neills 'Die grüne Wolke' und Norbert Zähringers 'Zorro Vela' erläutert. Die Studie zeigt kenntnis- und materialreich, welche Strategien autorenseits eingesetzt wurden und werden, um eine ideale Lektüre mittels geeigneter Identifikationsfiguren zu inszenieren. Je nach gesellschaftlicher Ausrichtung werden dabei lesende Figuren entweder als positives Vorbild oder abschreckendes Beispiel für die Rezipierenden konstruiert."

Torsten Mergen, JULIT 51/3 (2025)